Dein altes Kleid ist viel zu eng, abgetragen und auch schon ziemlich aus der Mode. Und trotzdem zwängst du dich immer wieder rein. Du kennst es und der Stoff auf der Haut fühlt sich auch irgendwie gut an. Im zeitlosen mittel-mausgrau passt du außerdem farblich genau zum Rest der Gesellschaft. Du fällst nicht auf. Alles ist bequem. Alles ist sicher.
Doch jetzt hast du ein Problem.
Eine Haselnuss ist vor dir auf den Boden gefallen und jetzt liegt da dieses Glitzerkleid.
Zuerst versuchst du, es wieder in die Haselnuss zurück zu stopfen (für später, wenn du endlich passende Schuhe dazu hast). Vergeblich. Vielleicht sind deine Finger zu dick. Vielleicht ist die Nuss zu klein. „Wer erfindet so kleine Haselnüsse für Kleider?“, denkst du. Das ist doch gemein. Genau wie diese Wurf-Strandmuscheln, die man, wenn sie einmal ausgebreitet sind, nie wieder in ihre Zelttasche zurück gefaltet bekommt. Wurf-Strandmuscheln haben sicher irgendwelche japanischen Origami-Großmeister erfunden um schattenhungrige bleiche Europäer zu ärgern.
Du erinnerst dich an den letzten Urlaub, als du schließlich mit der viel zu großen, notdürftig mit mehreren aneinandergehängten Gürteln plattgedrückten, leuchtend türkisen Wurf-Strandmuschel auf dem Fahrrad durch die Stadt gefahren bist. Du konntest kaum lenken. Die Autos fuhren hupend an dir vorbei. Du bist aufgefallen. Du warst im Weg. Du hast zu viel Platz eingenommen.
Viel zu viel Platz.
Unangenehm.
Das Kleid glitzert dich herausfordernd an.
Eine Wolke zieht weg und die Sonne scheint durchs Fenster deiner Großstadtwohnung. Das Kleid wirft Millionen kleiner bunter Regenbogenpunkte auf deine graue Raufasertapete. Die Tapete hattest du mal weiß gestrichen. Mit Alpina, die deckt am besten. Vor vielen Jahren. Als deine Wohnung und deine Träume noch neu waren.
Millionen kleiner bunter Hoffnungspunkte schweben durchs Zimmer.
Dreckskleid!
Du erinnerst dich an Tante Greta. Sie ist eigentlich nicht deine Tante; eigentlich kennst du sie nicht einmal, aber das spielt keine Rolle. In den 60er Jahren hatte sie auch mal so ein enges Kleid getragen, haben sie erzählt. Es war nicht lang, es ging nur bis zum Knie. Es war nicht rückenfrei, es hatte nur einen Rundhalsausschnitt (oder vielleicht war es auch ein kleiner weißer Kragen – die Erzählungen unterscheiden sich von mal zu mal). Und es war nicht aus silbernen Pailletten sondern blau.
Aber die Leute haben gesagt, Tante Greta sei ein „leichtes Mädchen“ gewesen. Und dass sie laut war und deshalb nie einen „guten Mann“ gefunden hat.
Wo kommt diese Nuss eigentlich her?
Du kannst dich weder daran erinnern, im Wald gewesen zu sein, noch mit einer Armbrust auf einen Prinzen geschossen zu haben. Und einen Diener, der Nüsse von Kutschfahrten zu dir bringst, hast du auch nicht.
Eine Eule ist auch nirgends zu sehen.
Oder eine Maus.
Oder eine Taube.
Oder Linsen.
Nicht mal ein Kürbis.
Aber du kannst es nicht rückgängig machen.
Die Nuss (wo auch immer sie herkam) ist jetzt offen und das Kleid liegt da, glitzert, lässt sich nicht zurück stopfen und sagt dir, dass du dringend mal deine Wohnung streichen müsstest.
Du überlegst, dass du außerdem gar keinen Platz im Schrank hast; im IKEA-Pax-Schrank, den du so clever eingerichtet hast. Maximaler Stauraum auf kleinster Fläche - der ist aber auch schon komplett ausgenutzt. Da passt kein Kleid mehr rein. Schon gar keins mit Pailletten.
Weiß man doch, dass Pailletten andere Klamotten aufrubbeln.
Du schreist das Kleid an:
„Was soll das?! Ich hab keine hohen Schuhe!“ („Und wenn ich welche hätte, könnte ich darin nicht laufen“, denkst du heimlich hinterher.)
Du kommst dir etwas blöd vor, weil du ein Kleid anschreist. Als hätten Kleider Ohren. Und wenn sie Ohren hätten, als würden sie auch nur einen Deut darauf geben, was du zu sagen hast.
Es glitzert weiter.
„Nur mal anfassen?“, denkst du. „Kann ja nix passieren.“ Und: „Sieht mich ja keiner.“
Langsam fährt deine Hand über den Stoff. Er ist ganz glatt. Fast wie Metall. Fast wie Schlangenhaut.
Wie in Trance hebst du es vom Boden auf. Es ist schwer. Viel schwerer als es aussieht.
Die Regenbogen-Hoffnungspunkte tanzen durchs Zimmer, als hättest du einer Discokugel einen Spin gegeben.
Du ziehst es dir über den Kopf.
Der Stoff fühlt sich fremd an. Die Pailletten sind ganz kalt auf deiner Haut.
Du schleichst auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, als würdest du vermeiden wollen, dass dich jemand hört (was unnötig ist, denn du bist ganz allein in deiner Wohnung).
Am Ende des dunklen Flurs hängt ein Spiegel mit einer dicken Staubschicht.
Du stehst davor und schaust hinein, wie in eine neblige Zukunft. Alles ist verschwommen, undurchdringlich, überdeckt von einem grauen Schleier.
Dein Gesicht kannst du nicht erkennen. Aber das Kleid, das glitzert bis durch den Schleier.
Zuerst wischst du nur einen kleinen Streifen frei. Der Staub klebt an deiner Hand.
Und dann nimmst du dein altes Kleid und reinigst den gesamten Spiegel.
...
Wow…
…
Wenn du ganz ehrlich zu dir bist – und das bist du selten - sieht es umwerfend an dir aus!
Und dann hast du eine Idee: Du kannst es ja zuerst mal nur heimlich anziehen... (?)
Und du fängst an zu üben, es zu tragen:
zunächst mit Sneaker statt Highheels
zunächst mit warmem Mantel statt mit Federboa
zunächst im dunklen Kino statt auf dem roten Teppich
So, dass es sich jedes mal besser anfühlt. Sicherer. So, dass du nicht umfällst, nicht frierst und nicht überfordert wirst. Es ist gut. Und es wird immer besser.
Irgendwann lässt du dann mal den Mantel weg, irgendwann findest du passende Schuhe.
Wenn du es dann zum ersten Mal auf dem roten Teppich trägst (oder vielleicht ist der Teppich auch blau, wie das Kleid von Tante Greta – spielen Farben denn wirklich eine Rolle?), fühlt es sich ganz natürlich an.
Weil du das Kleid jetzt verkörperst. Weil dieses Glitzerkleid jetzt dein neues Normal ist.
Weil es eigentlich schon immer für dich bestimmt war.
Epilog:
Neulich warst du in der U-Bahn. Dir gegenüber saß eine junge Frau mit roten Locken. Diese Art Locken, die Wildheit versprechen - wie Merida. Sie war ganz blass, aber sie hatte dieses Strahlen in den Augen, das man nur sah, wenn sie mal ganz kurz nach oben schaute. Doch du hast es gesehen. Sie trug einen langen dicken Mantel, aber einen Knopf des Mantels hatte sie vergessen zu schließen. Und zwischen diesem schweren grünen Wollstoff und zwei braunen Hornknöpfen blitzten sie hervor:
die silbernen Pailletten.
Als ihr Blick, in einer dieser seltenen Momente, ganz flüchtig nach oben glitt, trafen sich eure Augen – und ihr habt euch kaum merklich zugenickt.
Bei deiner Station bist du ausgestiegen und die Straße entlanggegangen. Vorbei an den Mietwohnungen mit dem Graffiti an den Hauswänden. Aus einem Zimmer im Erdgeschoss leuchtete plötzlich etwas auf und auf dem Gehsteig vor dir entstand ein Regenbogen-Muster.
Als hätte jemand in dieser Wohnung einer Discokugel einen Spin verpasst.
—
P.S.: Teile dieser Geschichte sind schon über 4 Jahre alt. Damals habe ich mich etwas für mich ganz Unglaubliches getraut: Ich habe auf einer Bühne getanzt - in eben diesem Glitzerkleid. Und heute wünsche ich mir, dass du deins anziehst. Es muss irgendwo schon herumliegen, denn ich bin mir sicher, dass du die Nuss schon auf den Boden geworfen hast - ungeschickt wie du bist. Ich kenn dich doch.
Spread your magic, sensitive soul. 💫
Deine Anja


so toll geschrieben!!! Tante Gerda erinnert mich an Onkel Alfi… aber das ist eine andere geschichte ;)
auch wenn ich heute große bögen um glitzerkleider mache, fühlt es sich gut an zu wissen, dass es im schrank hängt (und sogar die total dekadenten high heels noch da sind, mit denen ich bestimmt immer noch gehen und tanzen könnte, wäre das nötig)
es ist halt einfach ein phänomenales gefühl, zwischen welten springen zu können, ohne sich verstellen zu müssen. und das geht, wie Du so schön beschreibst, nur, wenn es sich vertraut anfühlt.
danke für die leselust, die Du auslöst 🥰
So schön. Ich fühle die Worte.